Autobahn
Wenn man auf der Autobahn fährt kann man überall in Deutschland immer wieder kleine Dörfer in der Ferne sehen, die pittoresk zwischen Hügeln, Wäldern und Feldern eingebettet sind.

Leider - das können vielleicht einige Leser bestätigen - verflüchtigt sich der malerische Eindruck, wenn man den Fehler macht von der Autobahn abzufahren. Dann zeigt sich nämlich, dass die verträumten Ansiedlungen sich entweder entvölkerten Geisterstädten annähern oder zum größten Teil aus Industriegebieten inklusive mindestens eines Lebensmittel-Discounters auf der grünen Wiese bestehen.

Was kann man daraus nun für einen Schluss ziehen? Dass die Landbevölkerung sich in vielen Fällen doch lieber für ein Leben in der Stadt entscheidet? Oder dass
Industriegebiete selten die ausschlaggebenden i-Tüpfelchen bei "Unser Dorf soll schöner werden" sind?

Falsch! Die Erkenntnis liegt darin, dass man besser nie so genau hinschauen sollte. Ein Blick aus der Entfernung erspart Enttäuschungen und die Erkenntnis, dass die
Realität in den seltensten Fällen dem entspricht, was man bisher glaubte.

So ähnlich ist das auch mit der Demokratie. Die funktioniert auch am besten, wenn man nicht so genau hinsieht. Deutschland, das wird jedem Schulkind beigebracht, ist eine Demokratie und die Demokratie ist die bestmögliche Regierungsform die ein Land haben kann. Soweit die Theorie und der Fernblick.

Leider klappt das nur so lange, wie Politik und Bürger auch etwas dafür tun. Das beginnt bei Wahlen bzw. der Nutzung des Wahlrechts - und endet für die meisten Leute auch da.

Die Politiker, die nach dem üblicherweise auf eine Wahl folgenden Geplänkel um Koalitionen und Ämter ja fürs erste wieder fest auf ihren Stühlen sitzen, sind
meistenteils der Meinung, dass es sich frühestens ein, zwei Jahre vor der nächsten Wahl wieder lohnt dem Volk aufs Maul zu schauen um ihm - oder zumindest einem
wahlrelevanten Anteil - anschließend bis nach absolvierter Wahl nach dem selbigen zu reden.

Die Bürger hingegen hoffen in weiten Teilen, dass sie nach dem fünfminütigen Zeitaufwand im Wahllokal erst einmal in Ruhe gelassen werden und begnügen sich damit, die ein oder andere Handlung der Politiker mit Wohlwollen (selten), mit resignierter Gelassenheit (häufig) oder mit stammtisch- oder familienfeierhitzigen Beschimpfungen (sehr häufig) zu kommentieren.

Da es aber mannigfaltige Ablenkungen gibt - Sportereignisse, potentielle Pandemien oder Naturkatastrophen, ob nun im eigenen Land (gut) oder in einem möglichst weit entfernten (besser) - vergisst der Bürger nach kurzer Zeit wieder, dass er sich jemals aufgeregt hat und gibt gerne und voller Hoffnung, dass es dieses Mal anders werden wird, bei der nächsten Wahl dem Politiker bzw. der Partei erneut seine Stimme, über die er sich noch kürzlich echauffiert hat.

Nun könnte man sagen, dann ist doch eigentlich alles gut. Die Politiker sind zufrieden, dass sie trotz Fettnäpfchen, Fehlentscheidungen und Skandalen weiter
im Amt bleiben dürfen und die Bürger freuen sich darüber, jemand zu haben, über den man sich aufregen kann, wenn gerade mal keine Olympia-, Vogelgrippe- oder Tsunami-Saison ist.

Dummerweise - und hier zeigt sich, dass ein zu gründlicher Blick einem die Freude an allem verderben kann - haben die Politiker die Funktionsweise dieses Systems
schneller erkannt als die Bürger, die - zugegebenermaßen - auch zunehmend überfordert damit sind, neben "Germanys Next Topmodel" und "Deutschland sucht den Superstar", der Frage "In welchem verdammten Land dieser Erde habe ich noch keinen Urlaub verbracht?" und der Angst, dass der Nachbar einen bessern oder man selbst vielleicht bald gar keinen Job mehr hat, die Übersicht zu behalten.

Dies hat zur Folge, dass sich die Politik den wirklich wichtigen Dingen zuwenden kann: der Wahrung der eigenen Interessen. Das Behalten eines Amtes, das Erlangen eines neuen, die Befriedigung der Wirtschaft, der "befreundeten" Nationen, des eigenen Geltungsbedürfnisses.

Natürlich versucht die Politik auch den eigenen Zukunftsängsten zu begegnen. Wer kann auch schon von den 825€ bzw. 3830€ Pensionsanspruch eines Bundestagsabgeordneten bzw. Ministers leben? Dieser besteht zwar bereits nach vier Jahren und ein durchschnittlich verdienender Arbeitnehmer müsste schon für 825€ zwischen 25 und 30 Jahre lang in die Rentenkasse einbezahlt haben, aber traurig stimmten solch lächerlich niedrigen Zahlen einen Berufspolitiker wohl schon.

Deshalb ist es auch notwendig, sich für eine Weiterverwendung in der freien Wirtschaft anzudienen. Und wie könnte man das besser, als sich beispielsweise mit den Vertretern der Wirtschaft, auch Lobbyisten genannt, anzufreunden?

Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass es keine deutsche Regierung seit 2003 geschafft hat das sogenannte Antikorruptionsabkommen der Vereinten Nationen (offiziell "UN-Konvention gegen Korruption"), das die Vertragsparteien "zur Bestrafung verschiedener Formen der Korruption gegenüber Amtsträgern und zur internationalen Zusammenarbeit" verpflichtet, zu unterzeichnen. Schließlich tun sich auch andere für ihre zutiefst demokratische Gesinnung bekannte Länder wie Syrien, Sudan und Nordkorea schwer dieses Abkommen zu unterzeichnen.

Die Bürger lässt solches glücklicherweise kalt. Ebenso wie die dereinst versprochenen, aber nie erfüllten gesetzlichen Änderungen in Hinblick auf "Zockerbanken" oder die bereits kurz nach den ersten Veröffentlichungen für beendet erklärte NSA-Affäre, deren Aufklärung wohl im Sande verlaufen wird (inklusive der Zusammenarbeit der NSA mit dem BND). Gleiches gilt für die unter den Tisch gekehrte Rolle des Verfassungsschutzes bei den Morden des NSU und schließlich auch die Freihandelsabkommen TTIP, TPP und TISA, die hinter verschlossenen Türen verhandelt nun von diversen Politikern wie sauer Bier angepriesen werden und - sollten sie zustanden kommen - den
Wirtschaftskonzernen eine nie gekannte Macht in die Hände legen werden.

Vielleicht ist es ja wirklich manchmal besser, wenn man die Autobahn nicht verlässt, sich nicht näher mit dem auseinandersetzt, was aus der Ferne betrachtet so hübsch und malerisch anmutet. Man muss dann das Elend nicht sehen.

Aber da ist es trotzdem.